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Erster Schnee


Es rüttelte. Etwas von dem kalten Kaffee spritze über die Buchseiten. Sie verwischte die Tropfen mit ihrem Zeigefinger. Ein kleiner Teil der Seite verfärbte sich braun. Es war nicht wichtig – das Buch hatte keine Aussage.


Der Zug wurde langsamer, ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass sie den Bahnhof erreicht hatte. Sie und die anderen verbliebenen Fahrgäste. Sie schlug das Buch zu – ohne sich die Seitenzahl zu merken – packte es in die Tasche und nahm ihre Sachen. Sie stand auf, um zum Ausgang zu gehen. Der Zug kam zum Stillstand. Ein letzter Ruck. Die Türen öffneten sich, ein grauer Bahngleis begrüßte sie.


Sie kannten den Anblick, sie meinte sogar, die Menschen zu kennen. Graue Menschen, grau wie der Bahnsteig. Alle schienen ein Ziel zu haben, strömten beschäftigt umher. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich hier verloren fühlte. Sie zögerte. Doch dann ging sie, der Blick gesenkt. Sie kannte den Weg. Hin und wieder schaute sie sich um, und sah Menschen einander begrüßen, sich in die Arme nehmen – sich freuen. Sie erwartete so etwas nicht. Nie mehr. Dass sie hier war, war falsch. Und das ließ sie dieser Ort auch spüren. Es war kalt. Sie zog ihren Mantel ein wenig fester zusammen.


Sie erreichte die S-Bahn und fand auch mit Leichtigkeit die richtige Verbindung. So etwas war immer leicht. Doch Einsteigen fiel ihr wieder schwer. Die Türen öffneten sich, und sie zwang sich hinein in die Enge.

Nach unschätzbarer Zeit wurde aus der Enge Leere. Sie war allein. Fast. Die kalten Augen spiegelten sich im Fenster gegenüber. Sie konnte dem Blick standhalten. Aber nur kurz. Es tat weh. Schon jetzt war die Traurigkeit in ihr.


Die Bahn hielt, sie nahm wieder ihre Sachen und ging. Sie ging zum nächsten Ziel. Zur nächsten Etappe. Zum nächsten Ende. Auf dem Weg begegnete ihr niemand mehr. Nachdem sie die Station verlassen hatte, teilte sich die Straße. Kurz überlegte sie, einen anderen Weg einzuschlagen. Doch das Unbekannte half ihr nicht. Sie war allein, und wollte es nicht länger sein. Es war kalt. Sie wollte sich aufwärmen. Sie folgte der Straße. Schatten folgten ihr. Die Zunge wurde schwer, die Augen fingen an zu brennen. Ein Gefühl. Mehr nicht. Mit jedem Schritt zerbrach sie mehr an der Unmöglichkeit. Sie kämpfte einen Kampf, den sie nicht gewinnen konnte. Und die Einsicht, dass es so ist, machte es vielleicht noch schwerer. Mit jedem Schritt spürte sie ihre Kraft gehen. Sie wurde verschlugen von Schatten. Schatten, die nicht fliehen.


Sie erreichte die Tür. Zögern. Sollte sie sich freuen? Sie spüren ein solches Glück in sich aufkommen, kaum zu ertragen. Gleich könnte sie fühlen, berühren, geben? Doch als sie die Tür berührte, sie öffnen wollte, um hineinzugehen in die Wärme, da wusste sie, dass es nicht richtig wäre. Das Glück, dass sie spüren wollte, war eine Lüge. Sie wusste es. Alle wussten es. Zerrissenheit. Bedeutungslosigkeit. Sie setzte sich auf die Stufe vor der Tür und zündete sich eine Zigarette an. Das kleine Feuer schien kurzzeitig ihre Welt zu erhellen. Doch das, was das Licht gebar war grau. Kalt. Hart.


Sie schloss die Augen, und es schien, als wäre eine Ewigkeit vergangen, bevor sie sie wieder öffnen konnte. Sie spürte Feuchtigkeit auf ihrem Gesicht, auf ihren Haaren. Sie blickte nach oben, suchte den Himmel. Doch sie fand ihn nicht. Sie fand etwas viel schöneres. Schnee fiel herab und bedeckte den Boden. Langsam verschwand das Grau, die Welt wurde weich. Weich und leicht. Sie berührte den Schnee mit den Fingerspitzen. Gefühl. Fast hätte sie geweint. Sie hatte keine Angst mehr. Sie war nicht mehr traurig. Sie war nicht mehr verzweifelt. Es schien, als wären mit dem Grau auch diese Dinge gegangen. Begraben unter Eis. Was sollte ihr geschehen? Mehr Schmerz? Mehr Traurigkeit? Mehr Verzweiflung? So soll es sein, sie würde alles ertragen. Alles. Und nun wusste sie auch wieder warum, warum sie überhaupt her gekommen war. Sie wollte glücklich sein. Und manche Menschen sind verrückt genug, für einen Moment Glück, viele Momente Leid zu ertragen. Es war Zeit. Sie stand auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und öffnete die Tür.

 



20.6.09 00:45
 


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